Personal tools
DLS Service Informationen für Ärzte Nadelstich und HCV

Nadelstich und HCV

Prävention der HCV-Übertragung und Vorgehen nach Nadelstichverletzung im Gesundheitsdienst

Die nachfolgenden Ausführungen sollen der beratenden Unterstützung von Kollegen beim korrekten Vorgehen nach und Vermeiden von einer Nadelstichverletzung dienen. Die Entscheidung über das konkrete Vorgehen muss jedoch eigenverantwortlich vom behandelnden Arzt selbst und mit Einwilligung des Patienten getroffen werden.

Ziel dieser Ausführung ist es, das Risiko einer HCV-Infektion durch eine Nadelstichverletzung durch verbesserte Prävention zu verringern. Standardisiertes Vorgehen nach einer Nadelstichverletzung soll möglichst frühzeitig eine HCV-Infektion diagnostizieren um diese effektiv behandeln zu können. Neuere Studien, die im Rahmen des Kompetenznetzes Hepatitis durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass eine im Frühstadium der Infektion durchgeführte Interferontherapie die Prognose ganz entscheidend verbessert und in aller Regel eine Chronifizierung verhindern kann. Sie soll als Handlungsanleitung für Betriebsärzte im Gesundheitsdienst dienen und eine sachgerechte Vorgehensweise sicherstellen.

Prävention

Die üblichen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen, über die das Personal regelmäßig geschult werden sollte, sind für die Prävention der Hepatitis C-Infektion ausreichend. Hierunter fallen das Vermeiden von s.g. recapping von Kanülen, Tragen doppelter Handschuhe bei operativ/invasiven Eingriffen, das Unterlassen der Verwendung von Spikes zur Mehrfachentnahme aus Infusions- oder Medikationslösungen, Verwendung von Instrumenten, bei denen das Risiko einer Verletzung minimiert wird, Gebrauch von Schutzkleidung. Durch geschultes Training und verbesserte Sicherheitsmaßnahmen kann das Risiko einer Nadelstichverletzung deutlich reduziert werden. Die Neufassung der Technischen Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 250 von Mai 2006 empfiehlt zudem die Verwendung von sicheren Arbeitsgeräten zur Verhütung von Stich- und Schnittverletzungen. Ein weiterer Bestandteil der Prävention ist eine effektive Desinfektion (thermische Verfahren für Instrumente, Mittel mit „begrenzt viruzider“ Wirksamkeit für Hände- und Oberflächendesinfektion). Eine Liste mit allen zugelassenen Desinfektionsmitteln ist auf der Internetseite des RKI hinterlegt (www.rki.de).

Vorgehen nach einer Stichverletzung

Ob es nach einer Nadelstichverletzung zu einer HCV-Serokonversion kommt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Das Risiko liegt im Durchschnitt unter 1% und bei europäischem Personal bei ca. 0,4%. Faktoren, die die HCV-Serokonversion beeinflussen sind die Höhe der Viruslast des Indexpatienten, die Zeit zwischen Patientenkontakt und Verletzung, Art und Schwere der Verletzung und Menge der übertragenen infektiösen Flüssigkeit. Auch die Art des betroffenen Gewebes spielt eine Rolle bei einer möglichen HCV-Serokonversion. Zur Abschätzung des individuellen Risikos einer HCV-Serokonversion haben wir deshalb einen Risiko-Score entworfen. Dieser hat das Ziel, Personen, die ein erhöhtes Risiko einer HCV-Infektion durch Nadelstichverletzung bergen, frühzeitig zu identifizieren und intensiver zu monitoren, z.B. im Rahmen einer zusätzlichen Bestimmung HCV-spezifischer T-Zellen.

Vorschlag für eine Risikoabschätzung bei Nadelstichverletzungen:

Punkte0123
Verletzung Nadel
< 0,9 mm
Nadel
≥ 0,9 mm
Skalpell
Spontane BlutungNeinMinimal> 20 sec 
BlutmengeKein BlutTropfen> Tropfen 
Zeit zwischen Patientenkontakt und Verletzung > 5min< 5minDirekt
HCV-RNA (IU/ml) <1x1051x105 - 2x106>2x106

 

Einteilung in Risikogruppen anhand des Punktesystems*:

RisikoIndexpatient
+ Virämie
Indexpatient
Virämie nicht bekannt
Niedrig (I)3-6 Punkte2-4 Punkte
Mittel (II)7-10 Punkte5-7 Punkte
Hoch (III)11-13 Punkte8-10 Punkte

* In Abhängigkeit davon, ob die Virämie des Indexpatienten verfügbar ist, ergeben sich zwei Punktesysteme. In Anlehnung an Kubitschke et al., Der Internist 2007

Allgemeine Maßnahmen nach Nadelstichverletzung

Sofortiges Desinfizieren und Spülen der Wunde. Vorstellung beim betriebsärztlichen Dienst oder Durchgangsarztes für die weiteren serologischen Untersuchungen. Des Weiteren sollte wenn möglich der immunologische Status des Indexpatienten, gegebenenfalls ebenfalls durch eine Blutentnahme, erfasst werden.

Grundsätze für das Vorgehen im weiteren Verlauf

  1. Bleibt es unklar, ob die Kanüle HCV-kontaminiert war oder nicht (z. B. weil es sich um eine Kanüle unbekannter Herkunft handelt oder weil der Indexpatient seine Zustimmung zur serologischen Abklärung verweigert) muss so vorgegangen werden, als ob die Kanüle HCV-kontaminiert ist.
  2. Falls der Indexpatient HCV-positiv ist oder beim Indexpatienten keine serologischen Untersuchungen möglich sind, werden serologische Nachuntersuchungen beim verletzten Mitarbeiter notwendig (s.u.).
  3. Falls die serologische Diagnostik beim Indexpatienten ergibt, dass keine HCV-Kontamination vorlag, erübrigen sich alle weiteren Untersuchungen beim verletzten Mitarbeiter.

Serologische Untersuchungen

  1. Unmittelbar nach der Verletzung beim Indexpatienten und dem verletzten Mitarbeiter
    • Beim Indexpatienten
    • GPT
    • anti-HCV
    • HCV-RNA-Quantifizierung ist anzustreben
    • Beim verletzten Mitarbeiter
    • GPT
    • anti-HCV
  2. Serologische Nachuntersuchungen beim Verletzten im weiteren Verlauf
    • Nach 2-4 Wochen
    • HCV-RNA, wenn negativ Wiederholung 6-8 Wochen nach Exposition möglich
    • Nach 12 und 24 Wochen
    • anti-HCV
    • GPT
    • bei pathologischen Werten: HCV-RNA
    Bei Unklarheiten, Unsicherheiten und HCV-Serokonversion empfehlen wir ein weiteres Vorgehen in Absprache mit einem hepatologischen Zentrum. Die Deutsche Leberstiftung kann hier gern ggf. einen Kontakt herstellen.

    Deutschen Leberstiftung
    Carl-Neuberg-Straße 1
    30625 Hannover
    Tel.: 0511 – 532 6819
    Fax: 0511 – 532 6820

Bisher gibt es keinen nachgewiesenen Effekt einer Postexpositionsprophylaxe mit Typ-1 Interferon, Ribavirin oder der Gabe von Immunglobulinen.

Die Virushepatitiden B und C gehören zu den namentlich meldepflichtigen Erkrankungen. Die Meldung erfolgt in der Regel an das Gesundheitsamt des Wohnortes des Betroffenen.

Weiteres Vorgehen

Wenn beim verletzten Mitarbeiter eine akute HCV-Infektion festgestellt wird, sollte ihm die Möglichkeit einer Interferon-Therapie sofort oder nach einer kurzen Beobachtungsphase angeboten werden. Hier sollten die aktuellen Leitlinien zur Behandlung der Hepatitis C beachtet werden: http://www.deutsche-leberstiftung.de/wir-helfen-ihnen/informationen-fuer-aerzte/leitlinien.

Document Actions
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Markus Cornberg
Medizinischer Geschäftsführer
Telefon +49(0)511 532 6821
Cornberg.Markus@mh-hannover.de
 

Letzte Änderung: Jun 24, 2010 11:26 AM